15. Der sowjetische Geheimdienstchef Alexej Sidnjew

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Noch eine Geschichte. Und noch eine Biografie…
Eine schillernde Persönlichkeit war der sowjetische Geheimdienstchef von Berlin Generalmajor Alexej Sidnjew. Ab Herbst 1945 residierte er in dem luxuriös eingerichteten Gebäude in der Oberseestraße 56. Die Anwohner Hohenschönhausens nenne das Haus lakonisch „die kalte Pracht“.
In der großzügig angelegten Villa des belgischen Konserven- und Wurstfabrikanten Eduard Vermander gab es Besucherräume, ein Billardzimmer und einen Wintergarten. Sie war ausgestattet mit einem Kühlschrankaggregat und einem elektrischen Heißwasserspeicher. Die Fußböden waren mit Tafelparkett ausgelegt und die Decken mit Holz getäfelt.
Zum Wassergrundstück, das teilweise von einem großen eisernen Kunstschmiedezaun umsäumt war, gehörten zudem ein größerer Garten mit Pavillon und ein Fischteich. Darüber hinaus fand der Generalmajor auch Gefallen an dem vom Stararchitekten Mies van der Rohe entworfenem Landhaus. Dieses nutzte er dann als Lagerfläche und als Garage.
Als leitender Geheimdienstoffizier im Ostteil der ehemaligen Reichshauptstadt war Sidjnew – neben Kowaltschuk – einer der Hauptverantwortlichen für die Internierung, Verurteilung, Deportation und den Tod tausender Berliner Bürger. Gleichfalls gehörte er zu den sowjetischen Generalen, die sich unter Ausnutzung ihrer Dienststellung in Deutschland maßlos an illegalem Beutegut und Kriegstrophäen bereicherten.
Im Dezember 1947 wurde der erst Einundvierzigjährige dann als Minister für Staatssicherheit versetzt in die Tatarische Sowjetrepublik. Kurz darauf geriet er selbst im Intrigengerangel der Dienste zwischen die Fronten. Ende 1948 wurde Generalmajor Sidnjew verhaftet. Im Raum stand der Verdacht, er habe 1945 achtzig Millionen Reichsmark aus der Berliner Reichsbank gestohlen.
In seiner Leningrader Wohnung fanden die Ermittler dann 600 silberne Besteckteile, etwa 100 Schmuckgegenstände aus Platin und Gold sowie französische Gobelins aus dem 17. und 18. Jahrhundert.
Nach weit über dreijähriger Untersuchungshaft verurteilte ihn ein Sondergericht im Oktober 1951 zur Zwangsheilung in einer psychiatrischen Anstalt. Erst nach Stalins Tod 1953 wurde Sidnew freigelassen und unehrenhaft aus dem Innenministerium entlassen. Er starb im Jahr 1958.
Den belgischen Unternehmer Eduard Vermander, den Eigentümer der Villa in der Oberseestraße 54, verhaftete die sowjetische Geheimpolizei im Oktober 1945 als angeblichen Spion und Unterstützer des NS-Regimes. Er habe – so der Vorwurf – die Wehrmacht mit Fleisch- und Wurstwaren beliefert.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters – er war bereits 71 Jahre alt – überlebte Eduard Vermander das Speziallager Nr. 3 in der Genslerstraße und das ehemalige KZ Sachsenhausen. In beiden Lagern war etwa zeitgleich auch sein 1904 geborener Sohn Lucien inhaftiert. Und Vater und Sohn wurden erst Anfang 1950 aus der sowjetischen Internierung entlassen.


Sowjetischer Geheimdienstchef von Berlin Generalmajor Alexej Sidnjew
(von Peter Erler)

Am 20. April 1945, vier Tage nach Eröffnung der Großoffensive der Roten Armee auf die Reichshauptstadt Berlin, erreichte die Ostfront die Linie Marzahn-Kaulsdorf. Am darauffolgenden Tag nahmen Einheiten der zur 1. Belorussischen Front gehörenden 5. Stoßarmee unter ihrem Kommandanten Generaloberst Nikolaj Bersarin, der kurze Zeit später von Marschall Georgi Shukow zum ersten Stadtkommandanten von Berlin ernannt wurde, Hohenschönhausen ein. Im „Endkampf“ um die Spreemetropole brachten die sowjetische Kampfverbände an der Berliner Straße (heute Konrad-Wolf-Straße) Raketenwerfer, auch als „Stalinorgel“ oder „Katjuscha“ bezeichnet, in Stellung, die in Richtung Reichstag zielten.¹
In den folgenden Tagen, in denen in der Innenstadt noch erbitterte Kämpfe tobten, kam es in Hohenschönhausen, zum Teil von geschundenen Zwangsarbeitern initiiert und vielfach unter massiven Alkoholeinfluss, zu mehreren Fällen von tödlicher Rachejustiz. Betroffen war z. B. der Ortsbauernführer Wilhelm Huckwitz aus der Gärtnerstraße 27-28, der jahrelang polnische Zwangsarbeiter drangsaliert hatte. Zu den Opfern von Übergriffen und Vergeltungsakten gehörte auch der Fleischmaschinenfabrikant Richard Heike Senior aus der Freienwalder Straße 17-19. Der Achtzigjährige, seine Hausdame Gertrud Häußler und Arthur Minke, ein Freund der Familie, wurden am 23. April von sowjetischen Soldaten auf offener Straße erschossen.
Vielfach drangen marodierende „Sieger“ in Wohnungen ein, um zu plündern und zu vergewaltigen. Am 23. April verschafften sich die „Russen“ auch Zutritt zu dem Mehrfamilienhaus Oberseestraße 57/Ecke Klarastraße, wo die gerade achtzehn Jahre alt gewordene Gerda Labahn wohnte: „Sobald ich Schritte nach oben kommen höre, verschwinde ich unter die Betten. Mit pochendem Herzen liege ich da und fürchte, mein Herzschlag könnte mich verraten. Sie rütteln auch an unserer Tür. Wir öffnen nicht. Sie ziehen weiter. Gott sei Dank! Gudrun F., 16 Jahre, muß mit einem Mongolen in den Keller.“²
In der Folgezeit etablierten die „Befreier“ ein für die deutsche Bevölkerung bedrückendes Besatzungsregime. Armeeverbände, größere Abteilungen des Geheimdienstes und andere Strukturen der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmten und besetzten in Hohenschönhausen für ihre Zwecke eine Vielzahl von Eigenheimen, Villengrundstücken, ganze Wohngebiete sowie mehrere Gewerbeeinrichtungen und Industrieanlagen.
Der sowjetische Geheimdienst, zunächst unter dem russischen Kürzel NKWD und ab März 1946 als MGB agierend, wurde von den Ostdeutschen weniger als Spionageorganisation sondern als extrem repressiv auftretende, willkürliche Verhaftungen vornehmende politische Sicherheitspolizei wahrgenommen.
Im Bereich der Genslerstraße/Freienwalder Straße okkupierte das NKWD ein Areal mit mehreren Produktionsstätten und einer Großküche, wo es zunächst ein sogenanntes Speziallager und ab 1947 ein zentrales Untersuchungsgefängnis betrieb.
Ein weiteres Geheimdienstsperrgebiet entstand im Umfeld des Ober- und Orankesees. Wilde Einquartierungen durchziehender Truppenverbände und die Besetzung einzelner Gebäude begannen dort noch vor Kriegsende in den letzten Apriltagen 1945. Die betroffenen deutschen Bewohner wurden in kürzester Zeit rücksichtslos vertrieben und mussten sich notgedrungen eine andere Unterkunft suchen. Sie verloren nicht nur ihre angestammtes Heim sondern auch die meisten zurückgelassenen Einrichtungsgegenstände sowie anderes persönliches Hab und Gut. 1948 schilderte der Kaufmann Fritz Hoffmann aus der Treskowstraße 31 (Manetstraße 13) in einem Behördenbrief, wie ihn diese Ereignisse persönlich betroffen haben: „Ich habe mein Haus und Grundstück […] mit dem gesamten Mobilar, Wäsche und Kleidung übergeben und mußte es innerhalb von 10 Minuten am 23.4.1945 verlassen […]“.³
Zur Säuberung der Gegend von NS-Aktivisten und anderer als Sicherheitsrisiko betrachteter Personen führte der sowjetische Geheimdienst zudem mehrere größere Verhaftungsoperationen durch. Während einer solchen Aktion am 9. Juni 1945 nahm das NKWD im Bereich der Oberseestraße mehrere Jungen im Alter bis zu 16 Jahren fest, die als Werwölfe verdächtigt wurden, und brachte sie in das Kellergefängnis in der Lemgoer Straße 4-6 in Weißensee.⁴
Die eigentliche Genese des „Militärstädtchens Hohenschönhausen“ – so die zeitgenössische Benennung in Unterlagen der Stadtbezirksverwaltung Berlin-Weißensee – setzte erst im August 1945 ein. In diesem Monat wurde ein motorisierter Verband des 105. Schützenregiments der Inneren Truppen (Feldpostnummer 03910) in den Straßenzügen am Oberseepark einquartiert.⁵ Der Regimentsstab belegte das Mehrfamilienhaus in der Treskowstraße 52-53 (Manetstraße 36-38)/Ecke Scharnweberstraße.
Die Inneren Truppen gehörten strukturell zum Geheimdienst. In der Sowjetischen Besatzungszone waren sie u. a. verantwortlich für Razzien und für Massenverhaftungen von „verdächtigen und feindlichen Elemente“ sowie für die Bewachung der zentralen NKWD-Dienststellen, sämtlicher Untersuchungsgefängnisse und der zehn sowjetischen Speziallager.⁶ In Berlin-Hohenschönhausen übernahmen Untereinheiten des 105. Schützenregiments den Postendienst um das Speziallager Nr. 3 in der Genslerstraße und zur Sicherung des „Militärstädtchens“.
Die Sicherheitsanlagen des Sperrgebiets am Obersee und Orankesee wurden im Laufe der Zeit immer mehr ausgebaut. Zunächst gab es nur Kontrollposten mit Schranken an den wichtigsten Zugängen. Anfang November 1945 veranlasste dann „ein Major Sitnik“ die vollkommene Abriegelung und Einzäunung des Areals um den Obersee.⁷ Ende April 1946 mussten auch die Bewohner der „Blindensiedlung“ im Quartal Obersee-/Herta-/Elsa-/Annemariestraße die abgesperrte Verbotszone verlassen.⁸ Im Mai 1947 fanden mit der Aussiedlungsaktion der noch verbliebenen Eigentümer und Mieter aus der Orankestraße die Vertreibungen der Deutschen aus dem Umfeld beider Seen einen vorläufigen Abschluss.⁹ Mit fast 300 Wohngebäuden erreichte das von einem mit Stacheldraht bewehrten grünen Holzzaun umgebene „Militärstädtchen Hohenschönhausen“ seine flächenmäßige größte Ausdehnung.¹⁰ Seine Grenzen bildeten im Süden ein Teil der Roedernstraße und der Orankestraße, im Westen die Friedhofstraße, der Orankesee und die Straße Orankestrand, im Norden die Suermondstraße sowie im Osten die Berliner Straße (heute Konrad-Wolf-Straße), der Sabinensteig oder die Hedwigstraße und die Degnerstraße. Der mit einem Schlagbaum abgeriegelte Hauptzugang befand sich an der Treskowstraße (heute Manetstraße)/Ecke Lindenweg.¹¹
Innerhalb der Verbotszone entstanden mehrere durch ihre vorwiegende Nutzung geprägte funktionale Bereiche: Die Grundstücke und Gebäude zwischen der Oranke- und Treskowstraße (Manetstraße) hatten zum großen Teil leitende Dienststellen und Militärverbände des MGB besetzt. In den Straßenzügen nördlich der Seen waren vorwiegend sowjetische Offiziere untergebracht. Teilweise lebten sie dort mit ihren aus der Sowjetunion angereisten Familien zusammen.¹² Der dazwischen liegende südliche Uferstreifen beider Gewässer und dort befindliche Einrichtungen wurde von den russischsprachigen Bewohnern des Sperrgebiets und ihren Wochenendgästen als beliebtes Erholungsgebiet genutzt. In ihrer Freizeit konnten sie zum Beispiel das für sie wiedereröffnete Wirtshaus „Oranke-Terrassen“¹³, das benachbarte Strandbad und ein 1948/49 speziell errichtetes pompöses Offizierskasino mit Kinosaal besuchen. Die idyllisch gelegene, teilweise noch erhaltene Parkanlage am Oberseepark war für sie ein beliebtes Motiv für Erinnerungsfotos.
Zu den im nördlichen Teil des „Militärstädtchens Hohenschönhausen“ präsenten Geheimdienststrukturen gehörte das erwähnte 105. Schützenregiment. Ab Mai 1946 waren alle seine Führungs- und Verwaltungsstrukturen sowie die Mannschaftsverbände und verschiedene Spezialabteilungen – nach Angaben vom August 1947 gehörten zu dieser MGB-Einheit etwa 1.200 Soldaten und Offizieren¹⁴ – in einem separaten Bereich in der Oranke-, Waldow-, Friedhof- und Oberseestraße ansässig.¹⁵
Etwa im Frühjahr 1947 zog der Bevollmächtigten des MGB bei der Gruppe der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Deutschland Generalleutnant Nikolaj Kowaltschuk mit seinem Apparat¹⁶ in das Straßenkarre Waldowstraße 43-56/Scharnweberstraße 5-7/Treskowstraße 10-20 (heute Manetstraße)/Lindenweg 3-7 ein.¹⁷
Als Stellvertreter und Vertrauter des sowjetischen Staatssicherheitsministers Generaloberst Wiktor Abakumow war er der ranghöchste Geheimdienstmann und gleichzeitig einer der einflussreichsten sowjetischen Besatzungsoffiziere. In der SBZ war er angefangen von der Verhaftung und Verurteilung als gefährlich eingeschätzte Personen, über die Spionage gegen die ehemaligen Kriegsverbündeten im Westen, der Etablierung eines Spitzelnetzes, der Überwachung der Parteien und Massenorganisationen sowie der Kontrolle des Aufbaus der deutschen Polizeiorgane für alle klandestinen und sicherheitsrelevanten Aktivitäten verantwortlich. In seinem Machtbereich unterdrückte er vehement alle politischen Regungen, die sich gegen die Fremdbestimmung durch die östliche Besatzungsmach richteten. Laut einem an Stalin gerichtetes Memorandum „Über den Kampf mit dem antisowjetischen Untergrund“ ließ Kowaltschuk allein in den ersten drei Monaten des Jahres 1949 1.060 Deutsche verhaften sowie 40 „feindliche Organisationen und Gruppen liquidieren“.¹⁸
Innerhalb des „Militärstädtchens“ bildete das vom MGB-Bevollmächtigten genutzte Areal einen nochmals separierten Hochsicherheitsbereich, der durch mehrere bewaffnete Posten bewacht wurde.
Nicht eindeutig geklärt ist, ob alle bzw. welche Mitarbeiter des umfangreichen Leitungsapparats Kowaltschuks bestehend aus dem Sekretariat und sieben Fachabteilungen, den Abteilungen Registratur, Archiv und operative Technik, der Kaderabteilung sowie der Abteilung Verwaltung und Finanzen in den etwa 20 Gebäuden, von denen einige beträchtliche Kriegsschäden aufwiesen¹⁹, untergebracht waren und dort auch über Arbeitsräume verfügten. Durch Verhörprotokolle und Berichte ehemaliger Gefangener ist zum Beispiel belegt, dass die Vernehmungsoffiziere der zentralen Ermittlungsabteilung oft bis in die frühen Morgenstunden hinein ihren Dienst im Hauptuntersuchungsgefängnis des MGB in der Genslerstraße verrichteten.
Kowaltschuk selbst residierte in der Waldowstraße 53-54. Das zweistöckige repräsentativen Haus gehörte der in Westberlin wohnenden Witwe Margot Rübel und wurde ursprünglich von drei deutschen Familien bewohnt.
Nach seiner Rückbeorderung nach Moskau im August 1949 stieg der 1902 geborene Ukrainer Kowaltschuk zum Minister für Staatssicherheit der Sowjetunion auf. Wie seine Vorgänger hielt er sich allerdings nicht lange auf diesem Posten. Ab September 1952 rutschte er auf der Karriereleiter wieder abwärts. Im Mai 1954 wurde er schließlich „wegen Diskreditierung“ der Staatssicherheitsorgane als Leiter der Gebietsverwaltung Jaroslawl des Innenministeriums entlassen. Aus gleichem Grund entzog ihm die Regierung einige Monate später auch den Generalsrang. Er starb 1972 in Kiew.
Neben dem Stab des MGB-Bevollmächtigten und dem 105. Schützenregiment hatten im Laufe der Zeit weitere Diensteinheiten der östlichen Besatzungsmacht ihren Standort im Sperrgebiet um den Ober- und Orankesee. Über sie liegen nur minimale Informationen vor. In der Regel sind nur deren Feldpostnummern überliefert.
Ähnlich stellt sich die Quellenlage bezüglich der sowjetischen Offiziere im nördlich gelegenen Teil des „Militärstädtchens“ dar. Auch für die Deutschen, die mit ihnen Kontakt hatten, wie zum Beispiel Bedienungspersonal, Handwerker, Haushaltshilfen und Kindermädchen²⁰, blieben sie zumeist anonym. Über ihre dienstlichen Angelegenheiten gab es lediglich Gerüchte und vage Vermutungen. Neben Mitarbeitern des Geheimdienstes erhielten im Gebiet zwischen der Obersee- und Suermondtstraße offensichtlich auch Offiziere der Stadtbezirkskommandantur Weißensee Wohnraum zugeteilt.²¹ Nur für zwei sowjetische Quartieranten konnten konkrete Angaben über ihrer Person ermittelt werden. Bei dem einen Offizier handelt es sich um den Militärjuristen Michaelow, der seinem Dienst in der Militärstaatsanwaltschaft Berlin-Weißensee in der Große Seestraße 116 nachging. Nach Angaben von April 1946 hatte er sein Domizil in der Villa in der Oberseestraße 30 eingerichtet.²²
Eine schillernde Persönlichkeit war der sowjetische Geheimdienstchef von Berlin Generalmajor Alexej Sidnjew. Er wählte im Herbst 1945 das luxuriös eingerichtete Gebäude in der Oberseestraße 54-56, welches von den alteingesessenen Hohenschönhausenern als „Kalte Pracht“ bezeichnet wurde, als seine repräsentative Unterkunft aus. In der großflächigen aus zwei Wohnungen bestehenden und mit Besucherräumen, Billardzimmer und Wintergarten sowie mit Kühlschrankaggregat und elektrischen Heißwasserspeicher ausgestatteten Villa des belgischen Konserven- und Wurstfabrikanten Eduard Vermander waren sämtliche Fußböden mit Tafelparkett ausgelegt und die Decken mit Holz getäfelt.²³ Zum Wassergrundstück, das teilweise von einem großen eisernen Kunstschmiedezaun umsäumt war, gehörte zudem ein größerer Garten mit Pavillon und Fischteich. Darüber hinaus fand der Generalmajor auch an dem vom Stararchitekten Mies van der Rohe entworfenem Landhaus gefallen. Es diente ihm nach der Beschlagnahme als Garage und Lagerfläche. Wie das Grundstück des MGB-Bevollmächtigten am gegenüberliegenden Seeufer wurde die Oberseestraße 54-60 rund um die Uhr von einem zusätzlichen stationären Posten, für den an der Straße ein kleines Schilderhaus errichtet worden war, bewacht.²⁴
Als leitender Geheimdienstoffizier im Ostteil der ehemaligen Reichshauptstadt galt Sidnew neben Kowaltschuk als ein weiterer Hauptverantwortlicher für die Internierung, Verurteilung, Deportation und den Tod tausender Berliner in der Nachkriegszeit. Gleichfalls gehörte er zu den sowjetischen Generalen, die sich unter Ausnutzung ihrer Dienststellung in Deutschland maßlos an illegalem Beutegut und Kriegstrophäen bereichert haben.
Im Dezember 1947 wurde der erst Einundvierzigjährige als Minister für Staatssicherheit der Tatarischen Sowjetrepublik nach Kasan versetzt. Kurz darauf gerät er im Intrigengerangel seiner ehemaligen Vorgesetzten zwischen die Fronten und wird Ende Januar 1948 verhaftet. Unter anderem wurde ihm unterstellt, 1945 in der Berliner Reichsbank aufgefundene 80 Millionen Reichsmark unterschlagen zu haben. In seiner Leningrader Wohnung fanden die Ermittler 600 silberne Besteckteile, etwa 100 Schmuckgegenstände aus Platin und Gold sowie französische Gobelins aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Nach weit über dreijähriger Untersuchungshaft verurteilte ihn ein Sondergericht im Oktober 1951 zur Zwangsheilung in einer psychiatrischen Anstalt. Erst nach Stalins Tod 1953 wurde Sidnew wieder freigelassen. Unehrenhaft aus dem Innenministerium entlassen starb er 1958.²⁵
Auch der Eigentümer der Oberseestraße 54-56, der 1874 geborene Eduard Vermander, geriet in die Fänge der sowjetischen Geheimpolizei. Den belgischen Staatsbürger verhaftete das NKWD im Oktober 1945 als angeblichen Spion und Unterstützer des NS-Regimes. Ihm wurde u. a. zum Vorwurf gemacht, dass er die Wehrmacht mit Fleisch- und Wurstwaren beliefert hatte. Ungeachtet seines fortgeschrittenen Alters überlebte er das Speziallager Nr. 3 in der Genslerstraße und das ehemalige KZ Sachsenhausen. In beiden Lagern war etwa zeitgleich auch sein 1904 geborener Sohn Lucien inhaftiert. Vater und Sohn wurden Anfang 1950 aus der sowjetischen Internierung entlassen.²⁶
Lokalgeschichte schrieb auch das Haus in der Suermondstraße 13. Bereits Anfang Juli 1945 hatte es eine in den Quellen nicht näher bezeichnete „Technische Kommission“ in Beschlag genommen. Diese Einrichtung gehörte offensichtlich zu einem Netz von Büros und Abteilungen, die sich u. a. mit der Dokumentation wissenschaftlicher Erfindungen und der listenmäßigen Erfassung deutscher Fachkräfte befassten. Am 22. Oktober 1946 fungierte die Suermondstraße 13 für die Aktion „Ossawakim“ als Melde- und Sammelstelle.²⁷ Im Rahmen dieser vom NKWD unter strengster Geheimhaltung organisierten Operation wurden aus der Sowjetischen Besatzungszone über 5.000 Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker mit wenigen Ausnahmen gegen deren Willen zur Arbeit in die Sowjetunion verschleppt. Dort mussten sie an verschiedenen zumeist militärisch relevanten Entwicklungsprojekten auf dem Gebieten der Flugzeug-, Raketen-, Hochfrequenz-, Radio- und Elektrotechnik sowie der Atomforschung, Chemie und Optik mitwirken. In Berlin waren von der Deportation am 22. Oktober u. a. Spezialisten aus den Firmen AEG, Telefunken und Askania betroffen.
Durch die Vermittlung des Stadtbezirkskommandanten von Weißensee bewohnte ab etwa November 1946 der Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Gesundheitswesen Paul Konitzer mit seiner großen Familie das geräumige Gebäude in der Suermondstraße 13. Er wurde am 18. Februar 1947 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und in das einige Straßenzüge weiter gelegene Kellergefängnis in der Genslerstraße eingeliefert. Ihm unterstellte das MGB, für den Tod sowjetischer Kriegsgefangener verantwortlich gewesen zu sein. Kurze Zeit darauf starb er in der Untersuchungshaft.²⁸
Nach Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 kam es im ostdeutschen Teilstaat zu Umstrukturierungen und schrittweisen Reduzierung der Besatzungsorgane und der Geheimdienststrukturen. Das 105. Schützenregiment hatte dadurch immer weniger Objekte zu bewachen. Auch im Sperrgebiet am Ober- und Orankesee wurden allmählich die besetzten Grundstücke geräumt. Durch den Leerstand und durch offenstehende Fenster und Türen verwahrlosten viele Gebäude und Anlagen. Als eine der letzten Diensteinheiten verlegte im Dezember 1950 der nunmehrige MGB-Bevollmächtigte Oberst Dawydow seinen Apparat nach Berlin-Karlshorst.²⁹
Im Frühjahr 1951 trat die sowjetische Besatzungsmacht das geräumte „Militärstädtchen Hohenschönhausen“ an die Regierung der DDR ab.³⁰ Viele Eigentümer erwarteten nun eine Freigabe ihrer Grundstücke und Immobilien, was aber nur in einigen wenigen Straßenzügen – in der Orankestraße, am Orankestrand und nördlich der Elsastraße – geschah.
Den Großteil des sowjetischen Sperrgebiets übernahm im Juni 1951 das vor einem Jahr gegründete Staatssicherheitsministerium der DDR. Der auf dem 5. Oktober 1951 datierte Übernahmebericht des MfS vermerkte, dass das hinterlassene Terrain einem „Urwald aus Sträuchern und Kräutern“ glich. Ehemals gepflegte Grünstreifen waren verkommen („dichtes Gestrüpp“), Vorgärten „nicht mehr zu erkennen“ und die Zäune „verschwunden“. Zwischen den Pflastersteinen wuchs Gras. Die Wohnhäuser, die nur noch auf „Trampelpfade“ erreicht werden konnten, waren „nach fünfjährige Benutzung durch sowjetische Soldaten völlig unbewohnbar„ geworden.³¹

¹ Foto in: Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen. Zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch. Hg. vom Bezirksamt Hohenschönhausen von Berlin, Abt. Jugend, Familie und Kultur, Berlin 1995, S. 94.

² Nachträgliche Schilderung auf Basis von Tagebuchaufzeichnungen. Bei Gudrun F. handelt es sich vermutlich um Gudrun Fuchs. ebenda, S. 80.

³ Hans-Michael Schulze: In den Villen der Agenten. Die Stasiprominenz privat. Berlin 2003., S. 44.

⁴ Anke Huschner, Hohenschönhausen, Geschichte der Berliner Verwaltungsbezirke, Bd.15, Stapp Verlag 1995, S. 143.

⁵ Schulze, Villen, S. 24/25; Foitzik/Petrow, Geheimdienste, S. 172.

⁶ Siehe ausführlich: SMAD-Handbuch, S. 79 ff.

⁷ Schulze, Villen, S. 30, 206, FN 169 und 172.

⁸ Nun hat der Krieg ein Ende, S. 86.

⁹ Schulze, Villen, S. 38.

¹⁰ Ebenda, S. 39.

¹¹ „Schema für die Bewachung des MGB-Bevollmächtigten der UdSSR“ vom 11. November 1948, Russisches Staatliches Militärarchiv; Schulze, Villen, S. 39.

¹² Nun hat der Krieg ein Ende, S. 88.

¹³ Ebenda, S. 88.

¹⁴ Petrow/Foitzik, Apparat, S. 137/38.

¹⁵ Ebenda, S. 131.

¹⁶ SMAD-Handbuch, S. 66.

¹⁷ „Schema für die Bewachung des MGB-Bevollmächtigten der UdSSR“ vom 11. November 1948.

¹⁸ Petrow, Nach Szenarium Stalins, S. 110.

¹⁹ Völlig zerstört waren zum Beispiel die Waldowstraße 55 und 56. Die Waldowstraße 49 konnte nur noch als Lagerraum genutzt werden.

²⁰ Z. B.: Nun hat der Krieg ein Ende, S. 88.

²¹ Schulze, Villen, S. 35.

²² Ebenda, S. 31.

²³ Erler, Geheimdienstbevollmächtigte. Siehe auch Schulze, S. 26.

²⁴ Auf der Karte „Schema“ als Postenstandort Nr. 8 und 9 gekennzeichnet. Nun hat der Krieg ein Ende, S. 43.

²⁵ Petrow, Geheimdienstmitarbeiter, S. 578.

²⁶ Verhaftungslisten des NKWD, Russisches Staatsarchiv Moskau; Schulze, S. 27.

²⁷ Nun hat der Krieg ein Ende, S. 90.

²⁸ Schulze, S. 36; Zeitzeugenarchiv der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

²⁹ SMAD-Handbuch, S. 66.

³⁰ Die Übergabe wurde rückwirkend auf den 1. März 1951 datiert. Schulze, S. 50.v

³¹ Das weiterhin bestehende Sperrgebiet teilten sich zunächst das MfS und der Außenpolitische Nachrichtendienst (APN) der DDR, die spätere Hauptverwaltung Aufklärung. Koch, Brüder, S. 181. Das Gebäude in der Waldowstraße 53-54 diente der Staatssicherheit und später der Sportvereinigung Dynamo als sogenanntes Ledigenwohnheim. BStU MfS Abt. XIV 1164, Bl. 82.

Literatur

Anke Huschner: Hohenschönhausen: Geschichte der Berliner Verwaltungsbezirke, Band 15, Berlin 1995.

Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen. Zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch. Hg. vom Bezirksamt Hohenschönhausen von Berlin, Abt. Jugend, Familie und Kultur, Berlin 1995.

Peter Erler: Der sowjetische Geheimdienstbevollmächigte am Berliner Obersee. Neue Quellen aus Moskauer Archiven, in Zeitschrift des Forschungsverbundes, Nr. 26/2009, S. 61-67.

Jan Foitzik/Nikita W. Petrow: Die sowjetischen Geheimdienste in der SBZ/DDR von 1945 bis 1953. Berlin 2009.

Nikita Petrow: Die sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter in Deutschland. Der leitende Personalbestand der Staatssicherheitsorgane der UdSSR in der SBZ und der DDR von 1945-1954. Berlin 2010.

Peter-Ferdinand Koch: Die feindlichen Brüder. DDR contra BRD. Eine Bilanz nach 50 Jahren Bruderkrieg. Bern/München/Wien 1994.

Hans-Michael Schulze: In den Villen der Agenten. Die Stasiprominenz privat. Berlin 2003.

Nikita Petrow: Nach Stalins Szenarium. Die Rolle der NKWD-MGB-Organe der UdSSR bei der Sowjetisierung der Länder Zentral- und Osteuropas 1945-1953. Moskau 2011 (russisch)

SMAD-Handbuch. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland 1945-1949. Hrsg. Von Horst Möller und Alexandr. OP. Tschubarjan. München 2009.

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