5. Die Geschichte der Orankesee-Terrassen

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Auch die Geschichte der Gastronomie am Orankesee geht zurück bis in das 19. Jahrhundert. Und das gastliche Fleckchen mit der idyllischen Lage hat schon viel erlebt: Blütezeit, Verfall, Fremdbestimmung, Zerstörung, Niedergang, Wiederbelebung, Neustart und neuer Glanz…
„Wir benötigten eine Menge Personal und Saisonkräfte…“
… so erinnerte sich Heidi, die Tochter des legendären Pächters „Heiden-Heinrich“, der die bislang glanzvollsten Zeiten der Orankesee-Terrassen in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bestritt.
„… die wir (…) aus ganz Berlin zusammen trommelten. Kaum einer unserer Kellner hatte jedoch ein Telefon. Also schwang ich mich auf mein Fahrrad und klapperte die Adressliste ab. Zur Hochsaison beschäftigten wir an die dreißig Kellner.“
Seit 1894 gab es am Orankesee einen Bierausschank des nahegelegenen Hohenschönhausener Brauhauses. Der erste Pächter hieß Oscar Hering. Von seinem Wirken erzählen bis heute unter Sammlern hoch geschätzte Postkarten. Es gab ein Hauptrestaurant, einen Sommertanzsaal, ein Vereinszimmer, einen Musikpavillon, zwei Seeterrassen sowie einen Bootsverleih.
Im Jahr 1928 suchte das Bezirksamt Weißensee nach einem neuen Pächter. Sechs Unternehmen sowie der „Verband der Berliner Kegelclubs“ bewarben sich um das traditionsreiche Juwel. Doch dann kam der Auftritt des Theaterbetreibers Wilhelm Heinrich, genannt Heiden-Heinrich. Der wusste, wie man das macht. Und um was es geht! Was die Anwohner herbei sehnten, war ein Freibad. Und in seiner Offerte führte er aus:
„… Ich übernehme auf Grund beiliegender Aufstellung die Errichtung des Strandbades am Orankesee auf meine Kosten und nach meinen Vorschlägen. Die Pachtdauer müsste allerdings 10 Jahre betragen. Da das Anlagekapital innerhalb der Vertragsdauer amortisiert und verzinst werden muss, kann ich außerdem nur noch eine Jahrespacht von 2.000 M für das Unternehmen (sprich das Wirtshaus) bieten.“
So begann die bislang erfolgreichste Ära der „Terrassen am Orankesee“: mit Bierkeller, Kegelbahn, einer Freilichtbühne, einem Wildgehege mit Rhesusaffen und Dammwild.
Für die Kinder gab es ein Karussell und für die Größeren eine Luftschaukel. Bis zu fünftausend Gäste konnte die Restauration in den Stoßzeiten versorgen. Eine besondere Attraktion war die „Weinterrasse“ auf einem auf dem Wasser schwimmenden, überdachten Ponton.
Und dann kam der Krieg! Danach kam die Rote Armee. Die „Terrassen am Orankesee“ wurden Offizierskasino. Als die sowjetischen Offiziere wieder verschwanden, kam die sozialistische Planwirtschaft und das Wirtshaus wurde verstaatlicht. Auch in dieser Zeit erfreute sich das Lokal großer Beliebtheit: Es gab Tanzveranstaltungen, Frühschoppen, Pfingstkonzerte, Hochzeitsfeiern und Jugendweihen.
Nach der Wende kamen dann die Glücksritter. Und mit diesen die Schulden – und 1993 das Aus. Das Traditionslokal am Orankesee wurde Opfer von Brandstiftung und Vandalismus. Und es geschahen seltsame Dinge: Im Oktober 1997 brannte das Wirtshaus gleichzeitig an mehreren Stellen. Die Feuerwehr fand aber lange weder die Brandherde noch den Hydranten für das Löschwasser. Eine Pumpe für das vor der Tür liegende Seewasser hatte sie auch nicht dabei. Was danach von dem Gasthaus noch stand, wurde abgerissen.
Anfang der 2000er Jahre sorgte ein Biergarten immerhin für die Wiederbelebung in der warmen Jahreszeit. Doch die Anwohner wünschten sich eine ganzjährige Gastronomie. Der Förderverein Obersee und Orankesee warb für Ideen und für das Vorhaben. Und 2013 fand man in dem Gastronomen Nikolaos Kitsos einen couragierten Investor, der die notwendige Erfahrung, Weitsicht und kaufmännische Redlichkeit in seinem Projekt verband: Unter der Federführung des Architekten Ludger Weidemüller entstand das moderne, sich zum See über eine große Terrasse öffnende Gebäude. Es wurde 2017 eröffnet. Im Innenbereich bietet dieses Platz für 240 Gäste. Fünfhundert weitere Plätze bietet die Terrasse – solange das Wetter hält. Und befragt, was ihn denn trieb, diese inzwischen erfolgreiche Unternehmung zu schultern, gab Nikolaos Kitsos zu Protokoll:
„Ich wünsche mir, dass sich alle Gäste wohlfühlen. Dass sie hinterher mit einem Lächeln das Restaurant verlassen – und mit einem Lächeln wiederkommen…“


Vom Wirtshaus Orankesee zu den Orankesee-Terrassen
(von Bärbel Ruben)

Die heutigen „Orankesee Terrassen“ befinden sich auf einem Gelände, auf dem schon über 100 Jahre zuvor das erste Wirtshaus am Orankesee stand. Somit sind sie einer Tradition verpflichtet, an der sie gemessen werden. Das gastliche Fleckchen mit der idyllischen Lage hat schon viel erlebt: Blütezeit, Verfall, Fremdbestimmung, Zerstörung, Niedergang und Auferstehung. Doch der Reihe nach…¹
Das erste Wirtshaus wurde vom Hohenschönhausener Brauhaus, welches sich in der Berliner Straße (heute Konrad-Wolf-Straße) befand, errichtet. Bereits 1894 wirbt das Brauhaus mit seinem „ersten Ausschank“ am Orankesee. Die Biere aus Hohenschönhausener Erzeugung hießen „Löwen-Gold“, „Löwen-Versand“, „Löwen-Caramel“ und „Löwen-Malzbier“, denn sie kamen ja aus der „Löwenbrauerei“, wie das Brauhaus bald darauf umfirmiert wurde.
Zeitgleich entstanden dicht neben dem Wirtshaus die „Eiswerke Hohenschönhausen“. Damals gab es noch keine elektrisch betriebenen Kühlschränke. Ob Gastwirte, Fleischer und „Otto-Normalverbraucher“ – alle besaßen Eisschränke, um ihre Lebensmittel frisch zu halten. Mehr oder weniger große, oder bescheiden kleine Eisschränke. Für die Kühlung sorgten Eisstangen unterschiedlicher Größe, welche in den Eiswerken künstlich hergestellt und gelagert wurden. Eiswerke befanden sich idealerweise in der Nähe von Gewässern, denn hier konnten im Winter aus den zugefrorenen Seen Eisblöcke ausgesägt, abtransportiert, in Eiskellern gelagert oder sofort weiterverkauft werden. Die größten Eisverbraucher waren übrigens die Brauereien. Denn beim Bierbrauen ist es wichtig, dass die heiße Stammwürze rasch auf eine Temperatur von vier bis sechs Grad abgekühlt und auf diesem Level im Gärkeller gehalten wird.
Der erste Pächter des Wirtshauses hieß Oscar Hering. Von seiner Existenz zeugen heute unter Sammlern hochbegehrte Ansichtskarten aus der Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Über einen Gruß aus dem „Wirtshaus am Oranke-See“ freuten sich alle. Oscar Hering profitierte zweifelsohne von der neuen Bürgerschaft in den schmucken Landhausvillen am Orankesee. Durch diese Neubürger verdoppelte sich die Einwohnerzahl des Gutsbezirkes Hohenschönhausen von ca. 1.800 Einwohnern im Jahr 1905 auf 3.500 Männer, Frauen und Kinder im Jahr 1910.
Und wo gingen diese sonntags hin? Ins Grüne! – Mit Bieranschluss und „Wo Familien auch Kaffee kochen konnten“. Damals war das Wirtshaus bereits ein stattliches „Etablissement“ mit mehreren Wirtschaftsgebäuden, dem Hauptrestaurant, einem Sommertanzsaal, einem Vereinszimmer, einem Musikpavillon, zwei Seeterrassen sowie einem Bootsverleih.
1911 kauften die Eiswerke Hohenschönhausen das Wirtshaus und vergaben es bis zum Jahr 1927 an verschiedene Pächter. Es muss eine ganze Zeit lang lukrativ gewesen sein. Dann wurden die Eiswerke und das in die Jahre gekommene Wirtshaus städtisches Eigentum.
Und bald darauf suchte die Stadt Berlin einen neuen Betreiber. Dazu schrieb das Bezirksamt Weißensee die Verpachtung des Restaurants „Terrassen am Orankesee“ im Jahre 1928 neu aus. Hoppla, haben Sie es bemerkt? Das Wirtshaus hieß da schon fast wie heute, nur „umgekehrt.“
Sechs Unternehmer aus Hohenschönhausen, den Nachbarorten Weißensee und Lichtenberg, Kreuzberg, Charlottenburg und sogar der “Verband der Berliner Kegelklubs” aus der Neuköllner Hasenheide bewarben sich um das traditionsreiche Juwel.²
Das Bezirkskollegium entschied sich nach Sichtung der Angebote relativ zügig für den Weißenseer Ökonom und Theaterbetreiber Wilhelm Heinrich, Künstlername: Heiden-Heinrich. Warum? Weil er mit einem unwiderstehlichem Angebot alle anderen Konkurrenten aus dem Feld schlug: Sein jährliches Pachtangebot für das Wirtshaus von 4.000 RM bewegte sich im Durchschnitt der anderen Mitbieter. Dies gab wohl nicht den Ausschlag. Den Coup landete er aber dann mit folgenden Ausführungen:
„… Ich übernehme auf Grund beiliegender Aufstellung die Errichtung des Strandbades am Orankesee auf meine Kosten und nach meinen Vorschlägen. Die Pachtdauer müsste allerdings 10 Jahre betragen. Da das Anlagekapital innerhalb der Vertragsdauer amortisiert und verzinst werden muß, kann ich außerdem nur noch eine Jahrespacht von 2.000 M (eigentlich RM, B.R.) für das Unternehmen (sprich das Wirtshaus, B.R.) bieten.“³
Der findige Unternehmer hatte die Marktlage genau sondiert und wusste, wie sehr sich die Hohenschönhausener ein Strandbad am Orankesee wünschten. Ursprünglich hatte die Weißenseer Bezirksverwaltung beim Magistrat 150.000 RM für den Strandbadbau beantragt, diese Mittel aber nicht erhalten. Die Kommune musste sparen. Die Weltwirtschaftskrise bahnte sich an.
Heiden-Heinrich war da genau der „richtige Mann zur richtigen Zeit“: Das Angebot, auf private Rechnung ein Freibad am Orankesee zu errichten, war einfach zu verlockend. Und so stimmten auch die Bezirksverordneten dem Deal zu.
Der Vertrag wurde geschlossen, das Wirtshaus kam in die Hände seines berühmtesten und beliebtesten Pächters und die Hohenschönhausener bekamen binnen kürzester Zeit ihr Strandbad. Schon im Sommer 1929 wurde es eröffnet.
Die „Terrassen am Orankesee“ erlebten mit Wilhelm Heiden-Heinrich⁴ ihre Glanzzeit: Das frisch renovierte Wirtshaus bot mit seinem Hauptrestaurant und kleinem Vereinssaal, dem Ballsaal und dem separatem Tanzsaal sowie den beiden Freiluftterrassen Platz für tausende Besucher. Heiden-Heinrich warb in einem Liederheft sogar mit einem „Naturgarten am Wasser“ der über 5.000 (!) Sitzplätze verfügen sollte.⁵ Darüber hinaus gab es einen Bierkeller mit Ausschank, eine Kaffeeküche, eine Kegelbahn, eine kleine Freilichtbühne und ein Wildgehege mit Damhirschen und Rhesusaffen! Für die Kinder gab es ein Karussell, für die Größeren eine Luftschaukel, eine Würfelbude und ein Glücksrad. Die „Kavaliere“ gingen mit ihren Damen an die Schießbude und schossen ihnen eine Rose. Eine besondere Attraktion war eine Weinterrasse auf einem auf dem Wasser schwimmenden, überdachten Ponton, ca. 8×12 m groß. Hier fanden sich lauschige Plätzchen, die mit Lampions ausgeleuchtet waren. Besonders romantisch veranlagte Gäste konnten sich zu dieser Liebeslaube hin überrudern lassen.
Im Wirtshaus war immer was los, es gab Platzkonzerte, Frühschoppen zu Pfingsten und die „Orankeritterschaft“, ein honoriger Verein aus Hohenschönhausener Geschäftsleuten, tagte hier. Der ”Orankewirt” versuchte durch vielfältige Attraktionen neue Gäste nach Hohenschönhausen zu locken. An den Wochenenden im Juli und August gab es alle 14 Tage ein Feuerwerk am Orankesee. – „Treptow oder Wannsee in Flammen“ standen dabei Pate.
Harry Wischner, Jahrgang 1925, war ein Junge aus armen Verhältnissen, er verdiente sich sein Taschengeld am Orankesee und gab später zu Protokoll:
„Vater stand auf dem Standpunkt, die Jungs haben sich ihr Geld selbst zu verdienen. Mein Bruder und ich halfen im Wirtshaus am Orankesee beim Abtragen des Geschirrs – wir trugen es von den Terrassenplätzen in die Küche. Es herrschte so ein Hochbetrieb, dass die Kellner dazu keine Zeit hatten. Wir Jungs haben das Geschirr in Wäschekörben in die Küche getragen. Für die damalige Zeit verdienten wir dabei einen ‘Haufen Geld’, 50 Pfennige die Stunde.“⁶
Heiden-Heinrich beschäftigte in den Stoßmonaten viele zusätzliche Kellner, deren Zahl flexibel an die zu erwartende Wetterlage angepasst wurde.
Seine Tochter Heidi erinnerte sich:
„Wir benötigten eine Menge Personal als Saisonkräfte, die wir je nach Bedarf aus ganz Berlin zusammen trommelten. Kaum einer unserer Kellner hatte jedoch ein Telefon zu Hause. Also schwang ich mich auf mein Fahrrad und klapperte die Adressliste ab. Zur Hochsaison beschäftigten wir an die dreißig Kellner.“⁷
Wilhelm Heiden-Heinrich, in früher Jugend mit dem Operettenkomponist Paul Lincke auf Tournee, trug als singender Wirt selbst zur Unterhaltung seiner Gäste bei. Seine Vergangenheit als gefeierter Theaterdirektor an der Stadthalle Weißensee ließ sich einfach nicht verleugnen. Erhalten hat sich ein kleines Liederbüchlein. Darin steht auch der „Orankewalzer“, ein Gedicht aus der Feder Heiden-Heinrichs. Das Notenblatt dazu ist nicht überliefert. Im Jahr 2016 initiierte der Förderverein Obersee-Orankesee deshalb einen Kompositionswettbewerb. Die Liebeserklärung an den Orankesee konnte dadurch neuvertont werden. Die Noten schrieb Matthias Lunow, Tonmeister am Deutschen Theater.⁸
1942, im 2. Weltkrieg, wurde das Wirtshaus von der Wehrmacht beschlagnahmt. Auch der Gastwirt Wilhelm Heiden-Heinrich bekam den Gestellungsbefehl. Zum Glück musste er nicht als Soldat ins Feld, sondern betrieb zur Unterhaltung der Truppen ein Wehrmachtsvarieté. Zum Ende des Krieges musste er zusammen mit seiner Tochter Heidi in der Rüstungsindustrie arbeiten.
Am 21. April 1945 erreichen die sowjetischen Truppen die östlichen Randbezirke und begannen ihren Sturmangriff auf Berlin. Das Wirtshaus am Orankesee wechselte die Besatzung. Die letzten Wehrmachtssoldaten waren längst stiften gegangen, als dann die Russen kamen. Jetzt musste das Lokal als deren Offizierskasino herhalten. Als die sowjetischen Besatzer dann 1946 begannen, ein Sperrgebiet am Ober- und Orankesee zu errichten, blieb das beliebte Wirtshaus weiterhin für die meisten Hohenschönhausener unzugänglich.
Gerda Lohausen, Jahrgang 1917, erinnerte sich:
„Mitte April 1946 wurde, als ich mich gerade auf dem Arbeitsamt aufhielt, bekanntgegeben, dass für das russische Offizierskasino am Orankesee an den Wochenenden und Feiertagen Serviererinnen gesucht wurden, gegen gute Bezahlung und Verpflegung. Beides reizte mich. Ich ging hin und wurde angenommen. Wir waren sechs Serviererinnen, die ihre Arbeit am 14. April antraten. Jeder wurden Tische zugeteilt, an denen bedient werden sollte. Am ersten Tag bekamen wir vor Arbeitsbeginn jede eine Scheibe Weißbrot mit Margarine und Marmelade und ein Glas Limonade. Später bekamen wir nichts mehr. Wir sahen auch keine Bezahlung. Nach Arbeitsschluss mussten wir unsere Trinkgelder auf den Tisch legen. Von dem Betrag zog der Sergeant erst die Beträge für sein angebliches Manko – etwa ein oder zwei harte Würste, eine Flasche Schnaps – ab. Der Rest wurde „brüderlich“ geteilt. Davon bekamen er selbst und das deutsche Ehepaar hinter dem Tresen, das in fester Anstellung war und Gehalt bezog, den gleichen Anteil. Sagen konnten wir nichts, wir hätten unsere Arbeit verloren. Immerhin brachte sie doch etwas ein. Am 30. April 1946 waren die Offiziere zur Maifeier in der Stadt. Anschließend kamen sie ins Kasino. Den Imbiss, belegte Brötchen, hatten wir schon vorbereitet. An Getränken gab es, wie üblich, Bier und Schnaps. An diesem Abend wurde nicht kassiert, die Offiziere hatten alle frei. Für Musik sorgte eine Kapelle. Auf der Bühne führten Soldaten Tänze vor. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Mir wurde bewusst, dass wir Deutsche keinen Grund zum Feiern hatten. Ich kämpfte mit den Tränen und schlich mich an der Wand entlang zu unserem Arbeitsraum. Ein Major beobachtete das. Er musste Verständnis gehabt haben, denn er gab mir, bevor er ging, 20 Mark Trinkgeld. Am nächsten Tag, dem 1. Mai, bedienten wir im Garten die Soldaten und kassierten die Runden. Als ich an einem Tisch kassieren wollte, weigerten sich die Soldaten, sie wollten nicht zahlen. Sie beteuerten mehrmals: „Frau gut. Offiziere gestern nicht gezahlt, wir heute nicht“ und gingen. Der Verlust von 150,- Mark wurde von unseren Trinkgeldern abgezogen. Im Kasino arbeitete ich bis zum Juli 1946“.⁹
1952/53 fielen endlich die letzten Absperrungen des Sperrgebietes. Das Wirtshaus am Orankesee wurde jetzt als HO-Gaststätte weiterbetrieben – „HO“ stand für „Handelsorganisation“, einem Staatsbetrieb im Handels- und Gaststättengewerbe der DDR. Die HO setzte Gaststättenleiter und weiteres Personal ein. Das Wirtshaus am Orankesee erfreute sich wieder großer Beliebtheit. Es gab viele Tanzveranstaltungen, Frühschoppen an den Wochenenden, Pfingstkonzerte, Hochzeitsgesellschaften und Jugendweihefeiern.
Mit der Wende kam der Einbruch. Die volkseigene HO-Gaststätte wurde privatisiert. Als Betreiber gab es verschiedene Glücksritter, die dem Betrieb insgesamt leider nicht gut taten, keine gelernten Gastronomen waren und schnelles Geld machen wollten. Das Publikum, einmal „gelackmeiert“, blieb enttäuscht zurück.

Helga Neumann erinnert sich:
„Nur einmal war Hochbetrieb als ein neuer Betreiber angekündigt hatte: ‘Wir haben die alte DDR Speisekarte gefunden und werden alle am Wochenende zu den dort angegebenen Preisen bedienen.’ Der Andrang der Besucher war verhältnismäßig groß. Die Reaktion vom Wirt ohne Erfahrung: ’Das machen wir nie wieder, denn da müssen wir ja wie verrückt schuften’“.¹⁰
Durch die Unfähigkeit des Betreibers und angehäufte Schulden, musste das Wirtshaus 1993 geschlossen werden.
Helga Neumann:
„Zu beobachten war danach eine Zerstörungswucht, da nach Gerüchten das Wirtshaus unter Denkmalschutz stand und die Kosten für einen neuen Erwerb und die Instandsetzung ziemlich hoch sein sollten und dazu noch ein überzeugendes Konzept für die weitere Bewirtschaftung vorgelegt werden musste.
Die Zerstörungswut kann man auch daran erkennen, dass zwei kleine Brände, die durch die Bewohner des Nachbargrundstückes gelöscht werden konnten, zu verzeichnen waren. Da die Probleme der Interessenten am Erwerb des Wirtshauses mit einem kleinen und dann noch gelöschten Brand nicht gelöst werden konnten, musste etwas Größeres folgen. So kam es eines Abends an mindestens vier verschiedenen Stellen im Wirtshaus zu einem Brand, der auch nicht schnell gelöscht werden konnte oder sollte.
Die gerufene Feuerwehr fand, warum auch immer, nicht sofort den Brandherd und irrte in dem Gebiet um den Orankesee hin und her. Dazu kam noch, dass dann auch nicht gleich mit dem Löschen begonnen werden konnte, weil die Feuerwehr den Hydrant zum Wasseranschluss nicht sofort gefunden hat und keine Pumpe zum nahe gelegenen See hatte. Somit mussten wir leider zusehen, wie die Flammen immer höher schlugen, die Ziegel vom Dach rutschten und langsam alles niederbrannte.“¹¹
Dieser „heiße Abriss“ geschah im Oktober 1997. Nach langer Zeit wurden die Reste des abgebrannten Wirtshauses abgerissen und entsorgt.
Bis zum Sommer des Jahres 2000 herrschte absolute Ebbe am einst so schönen Fleckchen. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gesobau erwarb dann das Gelände und setzte als Pächter die erfahrenden Schöneberger Gastronomen Anja Raneburger und Andre Fröhlich ein.¹² Zunächst mussten sie improvisieren und errichteten einen Biergarten. Endlich war wieder etwas los am See und die Gäste konnten wieder unter schattenspendenden Bäumen ihre Molle zischen. Was als Übergangslösung gedacht war, hielt, wie so viele Provisorien, dann bekanntlich länger…
Der Förderverein Obersee & Orankesee hatte bereits kurz nach seiner Gründung (2005) die Anwohner befragt, was sie sich für ihren Kiez wünschen. Einer der Wünsche war eine ganzjährige Gastronomie. Deshalb hatte der Verein immer wieder versucht, Möglichkeiten zu finden, damit das Wirtshaus wieder errichtet werden konnte. 2013 schließlich fand sich mit Nikolaos Kitsos ein neuer Investor, der diesen Wunsch erfüllen sollte und eine Menge Erfahrung mitbrachte: Der Gastronom aus Griechenland betrieb bereits zwei weitere Restaurants in Berlin. Unter der Federführung des Architekten Ludger Weidemüller errichtete Nikolaos Kitsos einen großzügigen modernen Neubau, der sich über eine große Terrasse zum See öffnet. Mit 240 Plätzen im Innenbereich und 500 auf der Terrasse sowie im Biergarten hat er unter den großen, alten Bäumen einen Ort geschaffen, an dem Gäste wieder Hochzeiten und Geburtstage feiern und Spaziergänger oder Radfahrer spontan eine kulinarische Pause einlegen können.
Die feierliche Eröffnung der Orankesee-Terrassen fand am 5. Juli 2017 statt. Mit dabei war auch der Berliner Innensenator Andreas Geisel, der das Restaurant-Projekt als Lichtenberger Bürgermeister vorangetrieben hatte. Und natürlich durfte auch Bezirksbürgermeister Michael Grunst nicht fehlen.¹³

¹ Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Ausstellungsmanuskript der Ausstellung des ehemaligen Heimatmuseums Hohenschönhausen zur Ausstellung: „… ne scheene Jejend is det hier!“ – Zur Geschichte einer Kulturlandschaft am Oranke- und Obersee, 1.5.1996 -27.2.1997. Archiv des Museums Lichtenberg im Stadthaus.

² Die Akten über die Verhandlungen zur Neuverpachtung finden sich im Landesarchiv Berlin, Rep. 48-08, Nr. 202

³ ebenda

⁴ Mehr über Wilhelm Heiden-Heinrich in: Bärbel Ruben, Der Theaterdirektor von Weißensee, Berlinische Monatsschrift, Heft 11, November 1996.

⁵ Frohe Stunden mit W. Heiden-Heinrich, Liederheft der WHH Gaststätten „Terrassen am Orankesee“, undatiert. Rückseite.

⁶ Gesprächsprotokoll mit Harry Wischner, 09.01.1997, Bärbel Ruben, Archiv Museum Lichtenberg im Stadthaus, Bestand Heiden-Heinrich

⁷ Gespräch der Autorin mit Heidi Dorgathen, Gedächtnisprotokoll, 1997.

Orankewalzer

⁹ 1945. Nun hat der krieg ein Ende, Erinnerungen aus Hohenschönhausen. Zusammengestellt von Thomas Friedrich und Monika Hansch, Hrsg. Bezirksamt Hohenschönhausen von Berlin, Heimatmuseum Hohenschönhausen, Berlin 1995, S. 87,88

¹⁰ Gespräch der Autorin mit Helga Neumann, 18.2.2018.

¹¹ ebenda

¹² Tagesspiegel

¹³ Projekt Orankesee-Terrassen

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